10. August 2017

Leben an der Grasnarbe

9:58 – Für viele ist es kein Geheimnis: Ich arbeite im Keller. Noch heute höre ich oft das Argument, dass viele Druckereien in Kellern untergebracht sind, wegen der schweren Maschinen. Ich halte das jedoch für ein Gerücht. Andererseits entbehrt es nicht einer gewissen Ironie die Werkstätten der Schwarzen Kunst in der Dunkelheit finsterer Kellergewölbe zu verbergen. Es verleiht dem Arbeitsplatz eine gewisse Mystik; so als würde man etwas Verbotenes tun. Geheime Texte mit kryptischen Beschwörungsformeln drucken zum Beispiel.

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11:15 – Die Wahrheit sieht wie immer ein wenig anders aus. Es ist weder dunkel. Noch finster. Oder mystisch. Um ehrlich zu sein, haben wir hier sogar ziemlich große Fenster. Rein theoretisch – wenn nicht das Glas und die verbrechensverhindernden Gitterstäbe wären – könnte ich mit meiner Nase die Grasnarbe berühren und mich von den zartgrünen Halmen in selbiger Kitzeln lassen. Leider geht das nicht. Andererseits habe ich schon genug Haare in der Nase, die mich kitzeln…

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14:56 – Ein Leben an der Grasnarbe zu führen hat Vorteile. Man bekommt beispielsweise ein gänzliches anderes Gefühl für Aussichten. Während andere von ihren Glaspalästen herab auf Dächer und Häusermeere starren blicke ich in einen Urwald aus grünen Stängeln in dem mit ein bisschen Fantasie exotische Blumen wachsen. Die Blumen gibt es wirklich, aber ihre Exotik wird schnell von einem kurzen Blick in den nächstbesten Pflanzenführer bzw. die Wikipedia hinfortgewischt. Ihre Schönheit hingegen bleibt. Zum Glück.

The Mantle – Dragons In The Purple Sky

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